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Schere weiter geöffnet
Berlin schafft die dreigliedrige Schulform ab. Neben dem Gymnasium gibt es fortan nur noch die Sekundarschulen. Ein guter Schritt? Ich fürchte nicht. Was wird nun geschehen? Es ist doch nun eine ganze Bildungsschicht quasi über. Die muss irgendwo hin. Die vorher nach Leistung auf drei Schulen aufgeteilten Schüler werden nun in zwei Schulen gepfercht. Das reißt doch das Bildungsgefälle zwischen den beiden verbliebenen Schulformen noch weiter auseinander. Außerdem wage ich zu bezweifeln, dass die Lehrerschaft entsprechend angepasst wird, was wohl zwangsläufig zu qualitativ schlechterem Unterricht an den Sekundarschulen führen dürfte.
Aber das ist jawohl alles gewollt. Ein dummes Volk ist konsumgeil, obrigkeitshörig und glaubt den ganzen Mist, der ihm täglich unter die Nase gerieben wird, ohne ihn zu hinterfragen. Der Rest fügt sich aufgrund seines Minderheitendaseins dann in sein Schicksal. Und so öffnet sich die Armutsschere immer weiter.
Ich möchte übrigens in diesem Zusammenhang ein Buch empfehlen. Es ist das traurigste Buch, das ich bisher gelesen habe (hab’s noch nicht durch, lese noch), denn es bildet sehr gut die Realität ab. Es sagt nicht unbedingt viel neues, doch fasst der Autor sehr gut zusammen, was viele eh schon lange wissen, allerdings noch viel zu leise kritisieren. Es ist ein Buch, das Probleme aufzeigt. Gesellschaftliche Probleme, die zumindest gewaltfrei, vielleicht sogar mit Gewalt, unlösbar erscheinen, denn sie scheinen in der Natur unserer Welt und unserer Spezies begründet zu sein. Es zeigt, dass wir, entgegen unserem technologischen Fortschritt gesellschaftlich noch immer im Mittelalter verweilen und sogar Teile unserer Gesellschaft, die diesem entkommen zu sein schienen, nun wieder aktiv in diese Richtung zurück entwickeln:
- Bildung
- Berlin (im Buch konkret nicht erwähnt, aber das Thema Bildung allgemein wird beleuchtet)
- Rechtsstaatlichkeit
- Zumwinkel, Ackermann
- Demokratie
- Wahlen und Koalitionen
- Minderheitenregierungen
- negatives Stimmgewicht
- Gedankenfreiheit
- Irland, Blasphemie = Straftat (wurde im Buch bisher nicht erwähnt, ist vielleicht zu neu; oder es kommt noch)
- Aufstiegschancen
- Quasi-Kastensystem
- wer in ärmlichen Verhältnissen aufwächst, hat kaum noch Möglichkeiten, diesen zu entfliehen
- Vollzeitarbeit am Existenzminimum
Themen, Probleme, die unter anderem (wie gesagt, bin noch nicht durch) direkt oder indirekt in diesem Buch aufbereitet und dargelegt werden, weshalb ich es jetzt schon jedem zu lesen empfehlen möchte. Meine heutige Buchempfehlung daher:
Thomas Wieczorek – Die verblödete Republik
ISBN-13: 978-3426780985Droemer/Knaur Verlag
8,95 Euro
Komplexität als Schild
Oft erinnere ich mich dieser Tage an Zitate wie “Das war eines der finstersten Kapitel unserer Geschichte” (frei übernommen aus “Star Trek: TNG”)oder ähnliches. Damit sind fiktive oder reale Perioden der Geschichte gemeint, die finsterer kaum sein könnten. Darunter das Mittelalter mit seiner Hexenverbrennung und der Inquisition, die Zeit des 3. Reiches und derlei fiese “Kapitel unserer Geschichte”.
Ich frage mich dann, wie wird die heutige Zeit eines Tages in den Geschichtsbüchern stehen? Wie wird man darüber berichten? Über die Nazis kann man sagen, sie waren böse, weil sie Juden verbrannt und vergast haben. Über die Inquisition kann man sagen, sie waren böse, weil sie Hexen verbrannt und Unschuldige gefoltert und auf die unmenschlichsten Arten hingerichtet haben, die der menschlichen Fantasie entspringen mochten.
Aber wie spricht man eines Tages über die bösen Menschen von heute? Über Mafia-Bosse, die wegen Geld und Macht über Leichen gehen. Über Manager, die wegen Geld und Macht (existenziell betrachtet) über Leichen gehen. Über Politiker und Lobbyisten, die mit Panikmache, Propaganda und False-Flag Operationen im eigenen Stall ihre finsteren Träume von totaler Überwachung und Knebelung der Gesellschaft in die Tat umsetzen. Um ihre Macht zu festigen, ihr Geld zu sichern und ihre Gier zu befriedigen, melken sie gerade die, denen es ohnehin schon schlecht geht, noch weiter, bis auch der letzte Lebenstropfen aus ihnen heraus gepresst wurde. Wie wird man eines Tages über heute berichten?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass man die Zeit heute in einem Satz wie “Die waren böse, weil…” zusammen fassen kann. Die Welt ist heute so komplex, dass sie ein einzelner nicht zu erfassen imstande ist. Es gibt nicht eine einzelne Gruppe, die man einst als Wurzel allen Übels wird ansehen können. Es gibt nicht “nur” die Nazis. Es gibt nicht “nur” die Inquisition. Es gibt Kapitalisten, Kommunisten, Lobbyisten, Islamisten, andere Terroristen, Konsumenten, Politiker, religiöse Spinner, Sekten, Schmarotzer, Großkonzerne, Mafia-Familien (die inzwischen auch nichts anderes mehr sind als Großkonzerne), Banken. Sie alle tragen auf die eine oder andere Weise durch ihr rücksichtsloses und gieriges Verhalten zum Leid des Menschen bei. Wer soll da noch durchsehen?
Oder ist es vielleicht so, dass auch schon zu Adolf Hitlers Zeiten nicht nur seine Nazis für das Leid der Menschen sorgten, sondern auch damals schon besagte Gruppierungen ihren Teil in der ganzen Welt dazu beitrugen? Gab es neben der Inquisition im Mittelalter auch so etwas wie die Mafia, Lobbygruppen, Sekten (kaum vorstellbar)? Sucht die Geschichte sich immer den einfachsten Sündenbock, um ein dunkles Kapitel zu beschreiben? Wer wird es dann sein, der für die heutige Zeit herhalten darf?
Der Mensch, der in 50 oder 100 oder 200 Jahren mal die Geschichtsbücher über die heutige Zeit verfassen darf, der tut mir jetzt schon Leid. Das wird eine Lebensaufgabe. Und auch die Schüler tun mir Leid, die dieses Kapitel der Geschichte eines Tages in der Schule behandeln müssen.
Äh, Argumente?
Ich schau mir gerade den Phoenix Runde Stream an, wo’s um das BKA Gesetz geht. Da sitzt neben Max Stadler von der FDP, Rainer Wendt von der Polizeigewerkschaft und Kristina Spiller von der Financial Times Deutschland auch noch Dieter Wiefelspütz von der SPD.
Die Diskussion ist interessant, solange Herr Wiefelspütz den Mund zu lässt. Denn sobald er ihn aufmacht, kommt nur arogante Selbstbeweihräucherung. Es kommen nur Dinge wie: “Das ist das beste Gesetz” und “Wir haben das lange diskutiert” und “Das ist so” und irgendwelchen Schuldzuweisungen a’la “Das haben Sie doch da und da genau so gemacht”. Kein einziges stichhaltiges Argument. Kein Argument FÜR das Gesetz. Nur wie toll es ist und dass man es unbedingt braucht. Zum Warum kommt dann allenfalls wieder der konstruierte Fall, bei dem ein Journalist von einem Selbstmordattentäter angerufen wird, der beichtet, sich und andere am nächsten Tag im Reichstag in die Luft zu sprengen. Der Journalist soll nun dazu verpflichtet werden, diesen Vorfall umgehend zu melden.
Äh… Hallo? Welcher Journalist würde einen solchen Fall NICHT umgehend melden? Wenn ein solcher Fall überhaupt eintritt. Auf der anderen Seite, welcher Terrorist geht das Risiko ein, den Anschlag zu versauen, weil er vorher einem Außenstehenden davon erzählt hat? Herr Wiefelspütz baut hier Argumenten-Konstrukte, die jeglicher Realität entbehren. Völlig aus der Luft gegriffen.
Ferner kommen von ihm überhaupt keine Argumente, nur hohle Floskeln, Schuldzuweisungen und Allgemeinplätze. Er findet es auch noch toll, dass das Bundesverfassungsgericht etliche Gesetze der Bundesregierung im Nachhinein verändert oder völlig kassiert hat.
Die anderen drei (bzw. vier) Diskussionsteilnehmer agieren und argumentieren hier wesentlich souveräner. Mich wundert allerdings, dass dies in einem freundlich ausgedrückt “drittplatzierten” Fernsehsender zu nachtschalfender Zeit gesendet wird, obwohl es hier auch und gerade um die Berufsehre von Journalisten geht. Versteh ich nicht. Kann mir erklären, wer will.
Mir tun ehrlich die Länder leid, die solche Flachpfeifen in der Regierung haben und KEIN Verfassungsgericht besitzen.


